Expertokratie? Experten für Oldtimer und Youngtimer
In vielen Expertengesprächen über Oldtimer und Youngtimer habe ich mannigfaltige Expertenmeinungen zu Expertenthemen kennengelernt, die ausgemachte Experten mit ausgewiesener Expertise zum Besten gaben. Wow, irgendwie inflationär, der Expertenbegriff. Darf also jeder, der mal einen Schraubenschlüssel in der Hand hatte und damit einen Oldtimer malträtierte, sich gleich Experte nennen? Die unspektakuläre Antwort lautet: ja, er darf. Der Begriff Experte ist rechtlich nicht geschützt und darf daher von jedem verwendet werden. Deshalb gibt es so viele Wetterexperten, Verkehrsexperten, Fußballexperten, Sexperten und natürlich auch Experten im automobilen Umfeld, z.B. für Oldtimer und Youngtimer.
Jetzt stellt sich mir sofort die Frage, ob jeder selbsternannte Klassikerexperte auch ein solcher ist? Und wie „messe“ ich das? Oder was gibt mir zumindest ein gutes Gefühl, wenn ich mich mit einem Experten auseinandersetze?

Ein Experte verfügt grundsätzlich über ein hohes Wissen oder besondere Fähigkeiten in einem oder mehreren Fachgebieten. Als Experte kann aber auch eine Person bezeichnet werden, der Wissen oder Fähigkeiten von anderen zugeschrieben werden. Das macht die Sache nicht eben einfacher und vergrößert den Kreis der Experten auch noch merklich. Ein gutes Hilfsmittel zur Einordnung ist sicherlich eine Ausbildung oder ein Studium. Die Bestätigung über den Erwerb von Wissen oder Fähigkeiten trägt der Ausgebildete oder Studierte schwarz auf weiß mit sich (i.d.R. in Form eines Zeugnisses, welches von staatlicher oder staatlich anerkannter Stelle ausgestellt wird). Im Falle eines Restaurators für Oldtimer ist z.B. eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker und eine Weiterbildung zum Kfz-Meister ein gutes Indiz für erfolgreich erworbenes Wissen oder Fähigkeiten. Wenn der so Ausgebildete sich (selbständig) mit den Besonderheiten alter Fahrzeuge vertraut macht und (selbständig) über mehrere Fachgebiete und Themen hinweg sein Wissen transferieren kann und (selbständig) Lösungen erarbeitet, dann kann er sich getrost Experte für Oldtimer (und Youngtimer) nennen und wird auch von außen so wahrgenommen. Das Tüpfelchen auf dem i wäre noch ein Ausbildungsgang zum Restaurateur (so wie es der größte deutsche Automobilclub fordert) oder gar eine Weiterbildung zum aaP oder aaS. Es lebe die Expertokratie.
Da die Welt aber nicht so einfach ist und es reichlich Schattierungen gibt, gilt meine Aufmerksamkeit auch Experten, die nicht über eine klassische Ausbildung oder ein Studium verfügen. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die sich ihr Wissen oder ihre Fähigkeiten um automobiles Kulturgut in Eigenregie erworben haben. Sie kommen aus der Möbelbranche, sind gelernte Lackierer, auch studierte Kaufleute und Betriebswirte befinden sich im illustren Kreis der Experten. Die Liste der Autodidakten ist sicherlich endlos lange; gemeinsam ist ihnen allen, dass sie Liebe und Leidenschaft für alte Automobile in sich tragen. Im Gegensatz zur Gruppe der Kfz-Meister und Ingenieure haben die Quereinsteiger kein Diplom oder einen Meisterbrief, der das Büro oder die Werkstatt ziert. Sie haben sich das Expertenwissen und den Expertenstatus i.d.R. über viele Jahre harter und qualitativer Arbeit erwerben müssen. Aber wie machen diese Experten auf sich aufmerksam, die nicht über den Status eines anerkannten "Fachtitels" verfügen? Nun ja, hier gilt unter anderem: Tue Gutes und rede darüber. Ein zufriedener Kunde sagt häufig mehr als das anerkannte Papier an der Bürowand. Mehrere zufriedene Kunden ersetzen es gleich ganz. Wird das nicht im „Geheimen“ gehalten (tun leider viele Werkstätten aus unerfindlichen Gründen immer noch), sondern offen kommuniziert, dann ist auch der Außenwahrnehmung des Expertenstatus Tür und Tor geöffnet.
Zurück zu meiner Ausgangsfrage: Wann ist der selbsternannte Experte für Klassiker auch ein wirklicher Experte? Zum einen ist es also die fachgebundene Ausbildung und die übergreifende Weiterbildung ein guter Indikator, zum anderen ist das Kundenfeedback und die Kundenbewertung ein hilfreicher Faktor bei der Klärung der Frage. Messen kann man das höchstens subjektiv. Nicht jeder Kfz-Meister kann über den Tellerrand schauen und alle Herausforderungen, die „alte“ Autos nun mal so mit sich bringen, gleichermaßen überblicken und erfolgreich zusammenführen. Nicht jede Kundenstimme gibt genau den Sachverhalt wieder und nicht jede Stimme wird veröffentlicht. Dann kann das vermeintlich positive Echo auch ins Gegenteil kippen, wenn doch etwas durchsickert. Insofern bleibt die Bewertung eines Experten für Oldtimer und Youngtimer jedem ein Stück weit selbst überlassen. Und jeder mag zu einem anderen Ergebnis kommen. Hauptsache ist jedoch, dass man ein gutes Gefühl hat, wenn man mit einem Experten gesprochen hat und ihm anschließend einen Auftrag gibt.
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